< Schulfest am 23. Juli
01.07.2015 09:26
Kategorie: Schule für Erwachsene

Abiturienten verabschiedet

Robert Spieß hat im Alter von 72 Jahren die Reifeprüfung abgelegt.


Die Abiturienten 2015

53 Erwachsene haben am Hessenkolleg und Abendgymnsium Wiesbaden das Abitur bestanden. Schulleiter Guntram Rücker überreichte den Absolventen am Montag in einer Feierstunde ihre Abschlusszeugnisse.

Ganz besondere Aufmerksamkeit genoss in diesem Jahr Robert Spieß. Mit seinen 72 Jahren ist er einer der ältesten Abituirenten, die es in Deutschland je gab. Dreieinhalb Jahre hat Robert Spieß noch einmal täglich die Schulbank gedrückt. Wie kommt man nach einem langen und erfüllten Berufsleben als Flugdienstberater im Alter von annähernd 70 Jahren dazu? „Ursprünglich hatte ich im Sinn, mich zu beschäftigen“, sagt Spieß. Nachdem er zu Beginn seiner Rente noch mit dem Bau des Hauses für eines seiner Kinder zu tun hatte, hatte er nach dessen Fertigstellung wenig Lust, „Kreuzworträtsel zu lösen und Schrauben zu sortieren“. Aus der Zeitung erfuhr er von einer Informationsveranstaltung zum zweiten Bildungsweg und die Idee, seinen Kopf wieder zu trainieren, sagte ihm zu.

Am Hessenkolleg war er aufgrund seines Alters natürlich ein Exot, aber, wie zahlreiche Lehrer ihm versicherten, dank seiner umfangreichen Lebenserfahrung auch „eine große Bereicherung“. Vieles, was seine Mitschüler und zahlreiche Lehrer nur aus Geschichtsbüchern kennen, hatte er noch persönlich erlebt und konnte davon berichten. So erlebte er als Dreijähriger die Bombardements von Nürnberg, 1954 verfolgte er das WM-Endspiel in Bern live im Fernsehen und 1963 stand er dem US-Präsidenten John F. Kennedy gegenüber, als dieser Frankfurt besuchte.

Am Hessenkolleg hieß es für ihn in Mathematik und in den Naturwissenschaften meist, sich irgendwie durchzubeißen, die sprachlichen Fächer dagegen hat er stets genossen, zumal er durch zahlreiche oft mehrere Monate dauernde Auslandsaufenthalte während seiner Zeit bei der Lufthansa auch in den Fremdsprachen auf einen umfangreichen Erfahrungsschatz zurückgreifen konnte. Sein Fazit: „Die Schule hat mir immer Spaß gemacht, aber jetzt bin ich auch froh, dass ich fertig bin.“

Und doch: Mit bald 73 Jahren hat Robert Spieß weitere Pläne. Er möchte nicht aufhören, seinen Kopf zu trainieren, und er möchte einer alten Leidenschaft nachgehen. Schon immer hat er sich für die Schreiberei begeistert. Vor mehr als 50 Jahren wollte er nach der mittleren Reife das renommierte Werner-Friedmann-Institut besuchen, um das journalistische Handwerk zu erlernen, die Pläne zerschlugen sich jedoch. Jetzt will er zunächst ein Studium aufnehmen, um irgendwann vielleicht doch noch für eine Zeitung zu schreiben.

Die Zeitungen sind heute schon voll von Robert Spieß. Unter anderem berichteten die Bild-Zeitung, die FAZ, aber auch der Berliner Kurier und der Trierische Volksfreund. Im Fernsehen liefen Beiträge im Hessischen Rundfunk sowie bei RTL.

Jeder „normale“ Studierende ist im zweiten Bildungsweg außergewöhnlich

Robert Spieß sticht durch sein Alter aus der Masse der Abiturienten heraus, doch am Hessenkolleg und Abendgymnasium hat jeder seine eigene Geschichte zu erzählen.

Einer von drei Studierenden, die das Abitur mit der Traumnote 1,0 abgeschlossen haben, ist Lorenz Lowis. Der 23-jährige hatte am regulären Gymnasium noch wenig Lust auf Schule. Da er mit seinen Leistungen auch unzufrieden war, brach er die 12. Klasse schließlich ab. Nachdem er ein halbes Jahr lang nichts gemacht hatte, wusste er, dass er das Abitur irgendwann nachholen möchte. Nach Zivildienst und einem Freiwilligen Sozialen Jahr in den USA schrieb er sich für den Intensivlehrgang am Hessenkolleg ein. Das Pensum, das die übrigen Klassen in drei Jahren absolvieren, erledigen die Teilnehmer dieses Kurses in zwei Jahren. Das erfordert bei bis zu 44 Wochenstunden viel Durchhaltevermögen. Lorenz Lowis hat dieses mitgebracht. Da er jeden Tag aus Darmstadt angereist ist, musste er bereits um fünf Uhr morgens aufstehen. Doch er hatte ein klares Ziel vor Augen: Er möchte Psychologie studieren. Dazu braucht er nicht nur das Abitur, sondern auch eine gute Abschlussnote. Das Ziel hat er erreicht.

Stephanie Kubillus hatte bereits ein „International Baccalaureate“, als sie ans Abendgymnasium kam. Sie wuchs in Bangkok auf und besuchte dort eine internationale Schule, bevor sie 2010 zurück nach Deutschland kam. Das Problem: Ihr Abschluss aus Thailand wurde in Deutschland nicht als Hochschulzugangsberechtigung anerkannt. Sie machte deshalb zunächst eine Ausbildung zur Rettungsassistentin. 2013 begann sie nach Wegen zu suchen, doch noch ein Studium aufnehmen zu können und schrieb sich am Abendgymnasium ein. Tagsüber arbeitete die heute 22-jährige weiterhin in Vollzeit als Rettungsassistentin, nach Feierabend ging es fünf Mal pro Woche in die Schule. Das erfordert viel Disziplin und Entbehrungen, erzählt Stephanie Kubillus: „Freitag abends weggehen oder mal mit Freunden oder der Familie zu grillen oder essen zu gehen, darauf muss man verzichten.“ Und trotzdem konnte sie die Schule durchaus genießen. „Das Verhältnis zu den Lehrern war sehr gut, man wird ernst genommen und kann auf einer Ebene miteinander reden.“ Nun hat sie zum zweiten Mal ihr Abitur erworben. „Ich sammle Schulabschlüsse“, sagt sie im Scherz. Doch damit soll nun endgültig Schluss sein. Jetzt möchte sie Veterinärmedizin studieren.

Vom Krieg in Afghanistan bis ans Abendgymnasium

Ganz besonders freut sich Schekeb Arian über sein Abitur am Abendgymnasium. Bis er im Alter von 16 Jahren nach Deutschland kam, hatte er fast noch überhaupt keine Möglichkeit gehabt, eine Schule zu besuchen. Seine Kindheit verbachte er in Afghanistan. Doch dort herrschten Krieg und Grausamkeit, so dass die Familie beschloss, das Land zu verlassen. Ab dem Alter von acht Jahren war Schekeb Arian auf der Flucht. Er verbachte viele Jahre im Exil, unter anderem in Pakistan und im Iran, wobei er den ganzen Tag arbeitete, um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen.

2002 gelagte Schekeb Arian schließlich nach einer langen und gefährlichen Flucht nach Deutschland. Da er schulpflichtig war, wurde er zunächst in die neunte Klasse der Hauptschule geschickt. Doch ohne Deutschkenntnisse und praktisch ohne vorherige Schulbildung konnte er dem Unterricht nicht folgen. „Ich hatte von den Fächern, die dort unterrichtet wurden, noch nie gehört“, erinnert sich Arian heute.

Über mehrere weitere Stationen - Deutschkurse, Hauptschulabschluss und Schreinerlehre im Rahmen eines städtischen Projekts - gelangte er schließlich an die Abendrealschule Wiesbaden, wo er in zwei Jahren die mittlere Reife erlangte. Es folgten drei weitere Jahre am Abendgymnasium. Dort hat er nun das Abitur erworben.

„Ich danke Gott, dass ich das erreichen durfte. Und ich bin dankbar, die Möglichkeit bekommen zu haben, in Deutschland eine Schule zu besuchen und mich weiterzubilden. Dieses Land hat für mich viel getan auch ich will eines Tages etwas zurück geben“, resümiert Arian. Am Abendgymnasium habe er immer die Unterstützung erhalten, die er brauchte, um trotz eines Vollzeitjobs die Motivation zu finden, abends zu lernen. „Als ich in Deutschland ankam, dachte ich noch, als Ausländer sei man benachteiligt, aber die Lehrkräfte waren immer sehr freundlich und verständnisvoll, und jetzt weiß ich: Es liegt an einem selbst, ob man etwas erreicht – unabhängig von der Herkunft oder der Religion“, so der gläubige Muslim.